9. November 1989 - 9. November 2024

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9. November 1989 - 9. November 2024

Am 9.11.1989 war die Schreibmaschine, mit der ich diese Zeilen zu Papier bringe, bereits 18 Jahre alt. Also quasi volljährig.

Erinnern sie noch dieses Datum? Waren sie sogar quasi "dabei"? Zumindest war ich anwesend. Also lebendig und schon der frühen Jugend entkommen.

Meine Eltern saßen in der (großen) Küche am (großen) Esstisch und verbrachen den späten Nachmittag mit ihrem Lieblingsspiel! Kniffel. Dazu gab es einen schwarzen Tee und zu der Zeit wurde bei uns im Hause noch geraucht - und zwar nur (!) in der Küche.

Mein Vater rauchte seine Player's Navy Cut und meine Mutter Dunhill blau. Ein Tag wie immer. Das Tagwerk war vollbracht und man suchte die Entspannung.

In der DDR jagte eine Veränderung die nächste und so saß ich viel vor dem Grundig Satellit 3000, einem Kurzwellenradio, hörte Radio Berlin International (RBI) der östlichen deutschen Nachbarn. Das Programm war geprägt von einem Spagat aus Veränderung und Erhalt des Sozialismus.

Es lag etwas in der Luft und irgendwann landete ich vor dem Fernseher und schaute die "Tagesschau", in der von einer Pressekonferenz berichtet wurde, auf der ein etwas orientierungslos wirkender Günter Schabowski eine echte Sensation verkündete!

Die DDR öffnete ihre "Grenzübergangsstellen" für alle reisewilligen Menschen - und zwar dem Wortlaut nach "sofort ... unverzüglich".

Das bedeutete: Die Mauer war offen. Der eiserne Vorhang fiel. Die Linie, die einen Grünen mit "G" von der väterlichen Heimat trennte, war nun durchlässig.

Direkt nach dem Bericht lief ich in die Küche; meine Eltern hatten meine Rufe nicht gehört - zu laut war das Klakkern der Würfel im Becher und zu konzentriert verfolgten sie das Ergebnis jedes Wurfes.

Da stand ich also! Meine Eltern sahen mich überrascht an, geradezu irritiert, weshalb ich wohl das gemeinsame Spiel störte.

"Die Grenzen sind auf. Die DDR öffnet die Grenze. Die Mauer fällt." Das waren meine Worte. Ungläubig sahen sie mich an. Skeptisch. Bis der Groschen fiel und wir ins Wohnzimmer liefen, wo noch immer die Nachrichten über den Fernseher liefen.

Und an jenem Abend war es dann irgendwann soweit: Der Druck der Menschenmassen öffnete diese Grenze. Es fiel kein Schuss. Es gab keinen Krieg. Die Menschen hatten riesiges Glück und noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an jenen Abend, jene Nacht zurückdenke.

Übrigens bekomme ich auch heute noch eine Gänsehaut, wenn ich die Bilder wiedersehe oder die ehemalige Grenze an beliebiger Stelle passiere. Zu sehr erscheint mir das Schicksal meiner eigenen Familie mit dieser Trennung verbunden und diese Gefühlsregung beim Überqueren der heute imaginären Linie ist wohl Ausdruck einer tiefen Dankbarkeit und Freude.

Seite 2:

Seitdem ist es für mich ein Privileg, in einem Europa viele Grenzen ohne Kontrolle und völlig ungehindert passieren zu können.

Nicht immer finde ich gut, was aus Brüssel oder anderen politischen Zentren der heutigen Europäischen Union kommt. Aber das Privileg der freien Reise, der Bewegungsfreiheit ist für mich der Ausdruck eines großartigen Sieges der Freiheit und Menschlichkeit.

Und ich reagiere berechenbar allergisch, wenn man dieses Privileg beschneidet oder gar zu Fall bringen möchte.

So kommt es manchmal vor, daß ich bei einer Reise in das Nachbarland Dänemark bei einer "Kontrolle" sage: "Jeg er borger i EU, og jeg protesterer udtrykkeligt mod denne kontrol, som hindrer min ret til fri bevægelighed." - oder in deutscher Sprache: "Ich bin Bürger der EU und widerspreche ausdrücklich dieser Kontrolle, die mein Recht auf Bewegungsfreiheit behindert."

Nun spreche ich ein ganz passables Volkshochschul- und Erfahrungsdänisch und blicke dann meist in die sehr erstaunten Gesichter jener Kontrolleure, die an der Grenze ihren Dienst versehen. Meist halte ich dabei meinen weinroten Reisepass in der Hand und bemühe mich um ein wohlwollendes Lächeln.

In 50% aller Fälle quittiert man meinen höflichen Protest mit einem Durchwinken und "God tur." - "Gute Fahrt."

Keine Ahnung, ob sich die Grenzkontrolleure noch später daran erinnern, aber mir gibt es das Gefühl, daß ich damit einen Beitrag zur Sicherung der erlangten Reise- und Bewegungsfreiheit erleuge.

Übrigens bin ich ein Befürworter von Kontrollen bei der Einreise in diesen privilegierten Raum und sehr darin keine Widerspruch. Die Feinde von Freiheit und Demokratie versuchen immer wieder, in diesen Raum einzudringen, um unserer Freiheit und Demokratie, wo immer es geht, Schaden zuzufügen.

Die geheimdientstlichen Operationen dieser Staaten haben Hochkonjunktur. Man möchte gerne wissen, wer alles so in die EU kommt. Fragen sie mal die Finnen oder Polen. Da hat man so seine Erfahrungen.

Und auch Migration ist ein Thema. Wo Krieg ist, da ist auch Flucht. Wer würde es den Betroffenen verdenken wollen? Aber eine Kontrolle wer genau dort kommt, eine Prüfung des Hintergrundes und der Dokumente erachte ich als Grundvoraussetzung. Kein wirklich Schutzsuchender hat meiner Meinung nach einen Nachteil dadurch, seine wahre Herkunft darzulegen. Ja, Dokumente können auch verloren gehen oder aus anderen Gründen fehlen, aber gerade dann würde ein Betroffener aus meiner Sicht bestmöglich kooperieren, um seinen Schutzstatus bzw. seine Herkunft und Identität nachzuweisen.

Es ist eine kaum zu überbietende Tragik: Der Kontrollverlust an den Außengrenzen führt zu stärkeren Kontrollen an den Innengrenzen der EU. Nun wären Schuldzuweisungen falsch - zu lange hat man auf Länder mit diesen Herausforderungen alleine gelassen, die mit dem Ansturm zuerst konfrontiert waren. Jedoch wurde manchmal auch aus einem politischen Willen heraus einfach durchgelassen, wenn das Zielland nicht der eigenen Gebietskörperschaft entsprach.

Seite 3:

Eine Bewegungsfreiheit in der EU kann nur funktionieren, wenn ihre Außengrenzen gesichert werden.

Wer auf den Schutz der Staatengemeinschaft angewiesen ist, soll ihn auch erhalten. Es kann dabei jedoch nicht um ein Herauspicken des Wunschlandes gehen, sondern vielmehr müssen die Ressourcen und Belastungen innerhalb der EU gerecht verteilt werden. Nur dann entsteht eine Ausgewogenheit in den Belastungen und die EU hat als Gesamtkonzept eine solide Grundlage bei der Flüchtlingspolitik.

Aber zurück nach Deutschland. Hier zerfällt gerade die Regierungskoalition und in den Medien wird eine Angst vor dem neuen Präsidenten der USA geschürt.

Dabei kommt das Schicksal gerade als Chance daher. Ein Wechsel, eine Chance zur Verbesserung.

Es könnte heißen: "Make Germany great again. Make Europe great again." Oh, keine Angst, ich meine damit nicht die Vergrößerung der Fläche unseres Landes. Ich meine damit seine ökonomische und gesellschaftliche Agilität.

Da ist zu viel Steifheit im Denken. Wie 1989. In der DDR. Steifheit erzeugt ein Übermaß an Spannung; bis zum Bruch.

Die Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht pauschalisieren. Ich bin mir jedoch sicher, daß ein Klima der Freiheit, humanistische Solidarität und Demokratie die Garanten für eine Lösung sind.

Die Freiheit, die sich vor 35 Jahren ihren Weg gebahnt hat, war nicht mehr aufzuhalten. Auslöser waren nicht mehr hinnehmbare Zustände, die ein Großteil der betroffenen Bevölkerung nicht mehr (er-)tragen mochte.

Und so wird es gegenwärtig auch wieder sein. Nur haben wir heute einen "Heimvorteil": Unsere Demokratie.

Demokratie bedeutet auch Dialog. Mir muss die Denkweise oder Ausrichtung nicht gefallen. Aber die ernsthafte Beschäftigung mit dem Anderen etabliert sich als Hüterin dieser Demokratie.

Meine Überzeugung ist es, daß nur der Dialog den Frieden wahrt. Wo der Dialog zum Stillstand kommt, oder gar bewusst gemieden wird, entsteht Konflikt und Krieg. Feinde des Dialogs sind die Bestatter von Demokratie und Freiheit.

Dies gilt von und zu jeglicher Weltanschauung oder politischen Strömung.

Genießen wir also unsere Freiheit. Fahren wir doch mal wieder nach Dänemark, um zünftig mit einem europäischen Nachbarn über die Weltpolitik zu streiten. Friedlich natürlich! God tur.