Man muss nur miteinander reden

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Werte Leser,

… wenn wir vorher miteinander gesprochen hätten.

Denn wer hätte gedacht: Sobald man miteinander redet, erhält man oft genau die Informationen, die helfen, einander besser zu verstehen oder Situationen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Außerdem kommt einem der Mensch, mit dem man spricht, meist näher. Je mehr man miteinander redet, desto fester werden auch die emotionalen Bindungen.
Manchmal entsteht daraus zwar auch eine distanzierende Ablehnung, aber das ist selten – und meist zu vernachlässigen.

Das gilt in der Ehe ebenso wie in der Politik oder in der Kindergartengruppe Marienkäfer, wo der kleine Jonathan die kleine Emma eigentlich sehr gern hat – nur eben nicht immer.

Es soll sogar Ehen geben, in denen die treu umsorgende Ehefrau erst nach zehn Jahren erfährt: „Ich mag keinen Mohnkuchen.“
Bei einem solchen Informationsdefizit stellt sich natürlich die Frage: Worüber hat man eigentlich all die Jahre gesprochen? Über vieles – nur nicht über die Vorlieben des nach mohnfreiem Kuchen dürstenden Ehegatten.

Rechnet man es durch: 52 Sonntage pro Jahr, also 520 Sonntagnachmittage in zehn Jahren – und genauso viele Gelegenheiten, über Kuchen zu reden.

In unserer heutigen Welt, in der Informationen in großer Zahl zusammenfließen und vieles durch intellektuelle Interaktion begleitet wird, gibt es einen kleinen Denkfehler:
Menschen nähern sich in philosophischen Auseinandersetzungen manchmal zu sehr dem Realismus an. Oder anders formuliert: Der Realismus passt nicht immer zu den Denkmustern eines philosophischen Vordenkers.

Noch anders ausgedrückt:
Was in der realen Welt geschieht, muss gedanklich durch Menschen betrachtet werden, die dafür befähigt sind – doch die Konsequenzen dieser philosophischen Überlegung müssen sich wiederum an der Realität orientieren.

Ich hoffe, dass ich damit nicht zu kompliziert formuliere. Das ist eine meiner Schwächen: Ich kann Gedanken gut zusammenfügen, aber beim Verschriftlichen werden sie manchmal zu komplex.

Dennoch möchte ich meine kleine Gedankenwelt einmal offenlegen.

Ein philosophischer Ansatz wäre beispielsweise: In den Handlungen eines Menschen zuerst das Gute zu vermuten. Und falls dieser Mensch etwas tut, das unsere Gesellschaft als schlecht einordnet, ihn durch Gespräch und Hinwendung wieder in die richtige Richtung zu bringen.

So wurde dem kleinen Jonathan im Kindergarten erklärt, dass man Emma die Malstifte nicht einfach wegnehmen darf. Man fragt vorher freundlich. Alles andere ist nicht akzeptabel.

Jahre später, wenn Jonathan den Unterschied zwischen „dein“ und „mein“ längst verstanden hat, kann es dennoch geschehen, dass eines Tages ein Polizeiwagen vor der Tür steht und Jonathan – jetzt 13 – nach einem Ladendiebstahl seinen Eltern übergeben wird.

Ob er das versteht, kann ich nicht sagen. Doch er hat als Vierjähriger bereits begriffen, dass er Emma die Malstifte nur dann gefahrlos wegnehmen kann, wenn kein Erzieher schützend daneben steht.

Und vielleicht hat er auch erlebt, dass diese Schutzfunktion unabhängig vom Geschlecht funktioniert – zum Beispiel, wenn Max ihn nötigt, die Kiste mit Legosteinen freizumachen, weil Max gerade Lust hat, zu bauen, und dazu noch größer ist und zwei weitere Rabauken als Verstärkung hat.

So lernen die kleinen Süßen im Kindergarten bereits Zusammenhänge zwischen Freundlichkeit, Machtverhalten und körperlicher Überlegenheit.

Wenden wir uns nun der Gegenwart zu:
Jeder Mensch in Deutschland sollte wissen, dass kritische bis ablehnende Äußerungen nicht dazu führen, dass am nächsten Morgen die Haustür eingetreten wird und man in einer schwarzen Limousine verschwindet.

Das Modell „Sag nichts Falsches, sonst verschwindest du“ hatten wir bis 1945. In seiner Gesamtheit war das zwar für manche ein „Mordsspaß“, aber letztlich nicht so erfolgreich, wie einige unterversorgte Klüglinge heute meinen.

Daher hat man in der Bundesrepublik ein System geschaffen, in dem man grundsätzlich alles sagen darf. Das ist im Grundgesetz garantiert.

Mittlerweile bin ich aber der Auffassung, dass nicht alles, was man sagen darf, auch unbedingt in die Öffentlichkeit gehört oder dort breitgetreten werden sollte.

Ein Beispiel: die aktuelle Diskussion um die Wehrpflicht.
Was die junge Generation öffentlich äußert, ist durchaus ein philosophischer Ansatz – aber einer, der kaum in unsere Zeit passt.

Mir ist kein europäisches Land bekannt, das in den letzten Jahren Kriegsrhetorik betrieben oder besonders aufgerüstet hätte – mit Ausnahme des Teils von Russland, der zu Europa zählt.

Wir haben uns in vielen Ländern insgesamt eher wie kleine Emmas verhalten: friedlich, sparsam, bequem.

Bei mir selbst sieht das Ganze übrigens so aus, ….                                               wenn mir heute ein erwachsener Jonathan oder ein noch größerer Max gegenübersteht, dessen Absicht eine unerwünschte Eigentumsübertragung ist, dann soll er wissen, dass ich einen Teil meines Lebens mit Menschen wie Emin Boztepe oder Heinrich Pfaff verbracht habe – deren Leistungsnachweise sich zum Beispiel auf YouTube bei Bedarf einsehen lassen.

Im übrigen bin ich jetzt 57 Jahre alt geworden, ohne jemals mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, weil ich gerade die Stärken, die mir unsere Gesetzgebung gibt mehr zu schätzen und somit auch zu nutzen weiß, …                                         als die asoziale Lebensführung eines Egomanen.

Zum Schluss möchte ich den jungen Menschen etwas mitgeben:
Wenn ihr möglicherweise zu einem Wehrdienst herangezogen werdet, dann verknüpft bestimmte Dinge bitte richtig. Die Konsequenzen können überraschend selbstverständlich sein.

Die nächste Kolumne erscheint, sobald die Zeit gekommen ist – und sobald sie fertig ist.

Bleiben Sie bis dahin gedankenstark.