Da ist es ja, 2026

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Werte Leser, …

Heute, am 13. Januar 2026 – ja, wir haben nun tatsächlich 2026 –, halte ich es für angebracht, noch einmal eine kurze Bilanz der vergangenen Silvesternacht zu ziehen, und zwar weniger aus Betroffenheit, sondern vielmehr aus der nüchternen Verwunderung heraus, dass erneut weniger passiert ist, als man es nach den Erfahrungen der letzten Jahre eigentlich hätte erwarten müssen.

Ich selbst war ehrlich gesagt von ein paar Toten mehr ausgegangen, und allein diese Feststellung sollte uns zu denken geben, denn sie beschreibt keinen persönlichen Zynismus, sondern lediglich den inzwischen ganz normalen Erwartungshorizont: Zwei bis drei Tote gelten mittlerweile als erfreulich niedrige Zahl, als Zeichen dafür, dass es „ja noch glimpflich“ ausgegangen sei.

Bielefeld lag in diesem Jahr besonders weit vorne, sofern man diesen Begriff in diesem Zusammenhang überhaupt noch verwenden möchte, denn dort kamen durch selbst gebaute, improvisierte und in jeder Hinsicht überflüssige Sprengsätze unabhängig voneinander zwei 18-Jährige ums Leben, was statistisch gesehen tragisch ist, gesellschaftlich betrachtet jedoch kaum noch jemanden ernsthaft überrascht.

Zudem verbrannte in Süddeutschland, im beschaulichen Gingen an der Brenz, eine 84-jährige Frau in ihrem eigenen Haus; die Brandursache ist offiziell unklar, inoffiziell sucht man sie wie jedes Jahr im Bereich des Silvesterfeuerwerks, irgendwo zwischen einer fehlgeleiteten Rakete und der beruhigenden Erkenntnis, dass Verantwortung auch diesmal wieder ein sehr dehnbarer Begriff war.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sprach für diese Silvesternacht von rund 100 Fällen schwerster Explosionsverletzungen, die stationär behandelt werden mussten, was nüchtern betrachtet bedeutet, dass etwa 100 Menschen den Jahreswechsel nicht mit guten Vorsätzen, sondern mit amputationsnahen Diagnosen begonnen haben.

Allein im Unfallkrankenhaus Marzahn wurden etwa 25 Personen vorstellig, die mit schwersten Handverletzungen um Hilfe baten und zunächst warten mussten, nicht etwa aus Gleichgültigkeit, sondern schlicht deshalb, weil auch ein modernes Unfallkrankenhaus nicht unbegrenzt über jene hoch spezialisierten Chirurgen verfügt, die in der Lage sind, aus zerfetzten Fingern wieder halbwegs funktionsfähige Körperteile zu rekonstruieren.

An solchen Tagen entscheidet eine hausinterne Triage daher nicht über Leben und Tod, sondern über die schlichte Frage, welcher Finger es noch wert ist, vier bis sechs Stunden Operationszeit zu binden, inklusive Reinigung, Entfernung fein verteilter Sprengstoffreste aus den unteren Hautschichten, mühsamem Basteln neuer Blutgefäße und dem Versuch, durch das Zusammenfügen abgetrennter Nerven zumindest eine rudimentäre Funktionalität wiederherzustellen.

Und genau an dieser Stelle endet die Theorie regelmäßig, denn weder die Zahl der Spezialisten noch die verfügbare Zeit lassen sich beliebig vervielfältigen, sodass man sich in der Praxis oft dafür entscheidet, den einen oder anderen Finger fachgerecht zu entsorgen und den Patienten später mit einer nun dauerhaft individualisierten, auf zwei oder drei Finger reduzierten Hand in ein Leben zu entlassen, das man ihm weiterhin als Ausdruck persönlicher Freiheit verkauft.

Auch bei uns hier im Kreisgebiet Schleswig-Flensburg rückte die Feuerwehr aus, insgesamt zu zehn silvesterbedingten Einsätzen, was auf das gesamte Gebiet der Bundesrepublik Deutschland hochgerechnet vermutlich nicht nur einige Hundert Einsätze ergeben dürfte; die Marke von 1.000 wurde aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich überschritten, wenn auch wie jedes Jahr ohne nachhaltige Konsequenzen.

Aber dafür hat es sich doch gelohnt, oder, …
zumindest für all jene, die am nächsten Morgen noch beide Hände benutzen konnten und ohne - zerschossene Fresse - ihren Kater am nächsten Morgen genießen konnten.

Stören Sie sich bitte nicht an der Aussage – zerschossene Fresse – im Nachlauf des ersten Weltkriegs, nannte man die Soldaten mit extremsten Gesichtsverletzungen - die zerschossenen Fressen -

Also schauen wir uns dann in den nächsten Wochen mal genau an, wer uns mit wie vielen Fingern die Hand geben möchte oder wer aus welchem Raketen- oder Böllergrund auch immer etwas wesentliches abbekommen hat.

 

Die nächste Kolumne erscheint, wenn die Zeit dazu gekommen ist –
und wenn sie fertig ist.

Bleiben Sie bis dahin gedankenstark.