Die Lage spitzt sich zu
| ca. 11 Minuten LesedauerWerte Leser, …
Merken Sie auch diese kleinen Mikro-Beben? Da wackelt es so ziemlich jeden Tag, manchmal mehrmals am Tag unter unseren Füßen, und wir stehen meist staunend da und lassen uns ein bisschen durchschütteln, in der Hoffnung, dass es dann erst einmal doch ganz normal weitergeht, weitergeht, weitergeht und weitergeht.
Falls es bei Ihnen selbst noch nicht gebebt hat oder Ihnen einfach (noch) der Spürsinn dafür fehlt, wann Ihre Umgebung instabil wird, dann werde ich jetzt mal hier berichten, was mir so aufgefallen ist.
Ich hatte vor ein paar Monaten, es könnte auch schon über ein Jahr her sein, einmal einen ersten Ausblick gewagt über das Thema künstliche Intelligenz und deren unmittelbare und direkte Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Und selbstverständlich konnte man dort Dinge lesen, die erst einmal nicht so schön waren und klangen und sogar im Nachklang noch klingen.
Denn auch damals schon hatte ich mit Menschen aus meinem Umfeld, Menschen, mit denen man ins Gespräch kam, Menschen wie du und ich, darüber philosophiert.
Das Ergebnis meiner geäußerten KI-Überlegungen und der dadurch erzwungenen Reflexionen meiner Gesprächspartner war damals ungefähr genau das gleiche wie die Erkenntnis, dass, wenn es in drei Tagen regnen soll, man sich nicht darauf vorbereiten muss, denn der Regenschirm steht ja sowieso irgendwo im Flur, und die Gummistiefel braucht man vermutlich auch nicht. Also lass den Regen ruhig kommen.
Denn auch eines wissen wir ganz genau – zumindest, wenn wir schon ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung auf dem Buckel haben –: Nach dem Regen kommt irgendwann auch wieder Sonnenschein.
Und wissen Sie was? Genau so ist es richtig, und genau so stimmte es bisher, …
nur ist bisher früher gewesen, und heute ist heute, und da ist nun mal vieles anders.
Jetzt ist der Regen aber mittlerweile hier bei uns angekommen, und ganz egal, wie gut Sie selbst in der Gesellschaft verknüpft sind, die Pfützen vor Ihrem Haus füllen sich merklich weiter. Und falls Sie jetzt selbst noch vor die Tür gehen wollen – der Regenschirm und auch die Gummistiefel wären schon von Vorteil, denn die Wassermassen sowohl am Boden als auch das, was da noch durch die Luft fällt, sind schon immens.
Aber was sind das denn eigentlich für Pfützen, und welche Einschläge kommen immer näher, und welche Einschläge sind mittlerweile sehr wohl wahrnehmbar?
Nun, wenn man sich mit der Nachrichtenlage in Bezug auf die Kündigungswellen beschäftigt, die sich durch die deutsche Dienstleistungs- und Industriegesellschaft ziehen, dann wird man sehr wohl feststellen, da hat sich etwas in Bewegung gesetzt, was eben nicht mehr als normal bezeichnet werden kann.
Weil eben das Wissen – nach Regen folgt auch wieder Sonnenschein – dieses Mal schon auf sich warten lässt, denn es regnet erst einmal lustig weiter und wird wohl auch vorerst lustig weiterregnen.
Das lässt sich alleine schon daran festmachen, dass, wenn Sie ein gut ausgebildeter deutscher Ingenieur sind und im Großraum Stuttgart einen neuen Job gesucht haben, dann war Ihr Suchwunsch in der Vergangenheit gleichzusetzen mit: Sie wurden sofort gefunden und hatten einen neuen Job, … alles quasi just in time.
Nun sollte der Satz im Hier und Heute eher wie folgt geschrieben werden:
Wenn Sie als gut ausgebildeter deutscher Ingenieur im Großraum Stuttgart heute einen Job suchen, dann könnte Ihr Suchwunsch ein paar Tage länger dauern als früher, denn auch der Markt für Ingenieure hat angefangen, sich zu drehen.
Da, wo man vor ein paar Jahren als gut ausgebildeter Ingenieur noch „shanghait“ worden wäre, wenn man unvorsichtigerweise sein abgeschlossenes Studium des Ingenieurswesens öffentlich gemacht hätte, genau da ist die Stimmung mittlerweile am Kippen – weil eben nichts mehr so ist, wie es noch vor Kurzem war.
Wer jetzt einwenden möchte: „Gut, das ist in Stuttgart, also in Süddeutschland“ – ja, aber auch hier im geschleswigten Holstein hat sich der Wind gedreht, denn 20 % der Betriebe, also ein Fünftel, planen für das kommende Jahr Stellenabbau.
Des Weiteren möchte ich jetzt noch einmal prahlerisch mit meinem Wissen glänzen, …
denn ich weiß, dass zwischen dem hohen Norden – also da, wo ich lebe – und dem tiefen Süden – da, wo die gut bezahlten Ingenieure in Bataillonsstärke zu finden waren und noch immer zu finden sind –, genau dazwischen noch ganz viel anderes Land existiert und andere Menschen leben und auch noch ein paar Ingenieure extra dazu.
Und falls Sie jetzt trotzdem noch einen gut ausgebildeten Ingenieur suchen: Ich selbst habe kein abgeschlossenes Ingenieursstudium, obwohl ich die Gleichsetzung von 20 % und 1/5 schon vor ein paar Jahren verstanden habe und als Leistungsnachweis sogar auf meine in frühester Jugend selbst entwickelte voll funktionsfähige Lego-Mausefalle hinweisen kann.
Wenn Sie das bisher Gelesene nun als eine leichte Überspitzung zur Überschrift sehen, dann würde ich einfach mal frecherweise behaupten: Ihnen fehlt jetzt die Weitsicht, denn …
die Lage spitzt sich zu!
Und dann ist da noch Folgendes, …
Als ich früher noch ganz brav meine Tätigkeit als selbstständiger Fachmann für Holz-Feuerstätten ausübte, da habe ich auch einen Fachmann für die Erstellung von Visitenkarten und weiterer Werbeartikel gebraucht. Also einen Fachmann, der mir qualitativ hochwertige Werbung designt hat.
Diesen Fachmann brauche ich heute nicht mehr – und Achtung, das liegt nicht daran, dass ich selbst kein Fachmann mehr für Holz-Feuerstätten sein möchte. Das liegt ganz einfach daran, dass, wenn ich heute etwas Grafisches brauche, Design oder Bilder, wie zum Beispiel ein eigenes Bild, das im Stil von Vincent van Gogh gemalt ist, dann bemühe ich eine KI mit fünf Sätzen des Erklärens, und drei Minuten später: … voilà.
Und sollte mir dann irgendetwas daran nicht gefallen, dann beschreibe ich es mit noch größerer Präzision und in vergleichbarer Zeit von weiteren wertvollen drei Minuten und erhalte dann ein noch besseres Ergebnis, das meinem Wunsch noch näher kommt und vielleicht sogar schon ausreichend für mich ist, … nochmals voilà.
So habe ich gerade erst vor ein paar Tagen ein großes Bündel bedruckter Kugelschreiber bekommen, Kugelschreiber, die keinen Wunsch offenlassen und sogar einen Aufdruck haben, …
und zwar: unterstütze auch du die deutschen Pro-Idioten – proidiotisch.de.
Um jetzt noch ein bisschen Präzision in die ganze Sache reinzubringen: Diese 50 Kugelschreiber haben mich 16,41 € gekostet, und ich brauchte keinen Grafikdesigner. Das ging in dem Beschriftungsprogramm ganz einfach, und die Stifte kamen übrigens auch genau so bei mir an, wie ich sie haben wollte.
Und das, was im Kleinen bei einem ehemaligen Fachmann für Holz-Feuerstätten geht, geht natürlich auch im Großen – wie beispielsweise, dass es für das Leipziger Stadtmarketing ein neues Logo gibt und dieses Logo wohl von einer Werbeagentur entworfen wurde und angeblich 700.000 € gekostet hat.
Und wenn Sie jetzt einen kurzen Ausflug ins Internet machen und sich dieses neue Logo eines abgemagerten, kantigen Löwen anschauen, und dafür wirklich 700.000 € geflossen sein sollten, dann wäre – auch nach meinem Dafürhalten – das Verschiffen der Verursacher nach Kaliningrad durchaus gerechtfertigt. Australien würde die ja nicht mehr aufnehmen, und da in Russland ja bekanntlich Facharbeiter fehlen … also los.
Jetzt gibt es allerdings auch noch ein paar Berufsbilder, bei denen man eben keine Automatisierung, egal ob durch Technik oder durch eine KI, nutzen kann – wie beispielsweise bei Köchen. So dachte ich zumindest noch bis vor ein paar Wochen.
Denn das mit dem „dachte ich“ hat sich ebenfalls erledigt, denn eine deutsche Firma hat einen Auftrag von der US Army bekommen, die Selbige mit selbstkochenden Feldküchen auszustatten.
Wenn man sich nun die Bilder dieser Feldküche anschaut, dann wird man sehr schnell verstehen: Es wird wohl auch in Zukunft kaum einen Beruf geben, der nicht unter dem Damoklesschwert der Rationalisierung durch weiterführende Technik oder eben durch eine KI steht.
Übrigens hängt die Qualität dessen, was diese Feldküche dann ausspuckt, nicht davon ab, ob sie es kann, nein – einzig und allein die Zutaten bestimmen über die Qualität. Basta.
Die Lage spitzt sich also zu.
Und wenn man schon dabei ist, das gesamte System umzukrempeln, kann man ja auch die Reste unseres beschaulichen Lebens anfangen umzukrempeln. Allerdings – manchmal wird man ja auch umgekrempelt.
Denn die Nachrichtenlage rund um Sabotage und Störung der öffentlichen Sicherheit nimmt weiter zu. Drohnen sind scheinbar für uns schon so normal wie Tauben am Himmel, und wenn eine Bahnstrecke in Polen gesprengt wird, wird eben eine Bahnstrecke in Polen gesprengt. Alle anderen Beeinträchtigungen durch Sabotage fallen schon kaum noch auf.
Genauso übt man nun mitten in der Hamburger Innenstadt Krieg, oder im U-Bahn-System von Berlin kämpft das Wachbataillon gegen eindringende feindliche Agitatoren.
Bleibt eigentlich nur noch die Frage: Inwieweit sind Sie selbst jetzt vorbereitet? Sie haben ja bestimmt in den vergangenen Wochen und Monaten des Öfteren schon gehört, dass man vorbereitet sein soll: eigene Nahrungsmittelvorräte – dazu gehören übrigens auch Wasser und Medikamente –, das alles sollte mittlerweile bei uns für mindestens zehn Tage vorhanden sein.
Übrigens wird in diesem Zusammenhang immer eine breitbandige Erklärung abgegeben, denn es geht natürlich offiziell erst einmal um Naturkatastrophen. Das klingt tatsächlich viel feiner und freundlicher, als wenn man sagen würde: Bereiten Sie sich mal auf den Kriegsfall vor.
Dabei können Sie in regelmäßigen Abständen von namhaften Politikern – einige davon sind sogar führende Entscheider – Sätze der Warnung und der Einschätzung zur Lage rund um Russland in den Nachrichten verfolgen.
Die Quintessenz daraus ist die, dass nach Einschätzung unserer Politiker und Vordenker Russland nicht mehr ein lieber Nachbar in der zweiten Reihe ist. Nein, man sieht in Russland das Potenzial, seinen nachbarschaftlichen Status gerne weiter auszudehnen. Und man hält es dahingehend auch für möglich, dass Russland noch sehr weit Richtung Westen streben würde. Möchten möchte man sowieso – die portugiesische Atlantikküste soll übrigens sehr schön sein.
Und wenn Sie dies als eine Art übertriebene Ausdehnungsfantasie sehen, dann können Sie sich ja trotzdem einmal die Handlungsbreite der russischen Politik ansehen – nicht nur in Europa, nein, auch in Afrika. Und der Begriff Großrussland bekommt eine andere Bedeutung.
Die Lage spitzt sich also zu.
Soll ich jetzt noch mit dem berühmten Thema Klima anfangen, dann ist es wahrscheinlich ganz aus – wobei wir hier im Norden ja ehrlich gesagt noch ganz gut vor der Lage sind, zumindest gefühlt.
Aber es gibt Regionen in Europa, die stehen jetzt gefühlt seit zwei Jahren unter Dauerbeschuss. Da regnet es fortlaufend, und wenn es regnet, dann gleich so ordentlich, dass die Wassertonnen mittlerweile für Jahrzehnte gefüllt sein könnten.
Gerade die Iberische Halbinsel und Italien hat es dabei besonders betroffen, und ja, auch Frankreich ist einmal in der Breite historisch abgesoffen.
Regionen wie Valencia oder Barcelona dürfte es egal sein, ob es ein kalter Tropfen, ein warmer Tropfen oder eine Unstimmigkeit im Raum-Zeit-Kontinuum ist – wer schwere Überschwemmungen als ständig wiederkehrende Erlebnisdichte erlebt, lebt vielleicht nicht mehr so gerne da, wo vor ein paar Jahren noch ein kleines Paradies war.
Und dabei sind Valencia genauso wie die Emilia-Romagna oder die Toskana betroffen gewesen. Tirol hat auch so einige schwere Überschwemmungen erlebt. Und weil wir gerade dabei sind: Der Rückzug der Permafrostböden in den Alpen macht die ganze Hügelkette instabil, und manch ein Dorf in den Alpen wird es vermutlich in Zukunft nur noch auf Postkarten geben – der Rest liegt unter 100.000 m³ feinsten Alpenschutts.
Die Lage spitzt sich also zu.
Und weil ich jetzt also schon genügend Pessimismus verbreitet habe und Sie auch noch ein bisschen selbst recherchieren sollten, schauen Sie sich mal die neuesten Prognosen bezüglich des Meeresspiegelanstiegs an.
Falls Sie jetzt ein Ferienhaus direkt an der nordfriesischen Küste oder an der Ostsee besitzen, ist doch Ihr Glück mittlerweile kaum noch in Worte zu fassen, oder?
Dabei haben aber auch wir hier unsere kleinen Erlebnisse mit dem besonders störenden Hintergrund. Heute kam ich von einem Weihnachtsmarkt – dem Weihnachtsmarkt schlechthin hier in der Region – und was soll ich sagen: Den Glühwein, den ich bestellt hatte, versuchte ich noch dadurch zu retten, dass ich der sehr netten jungen Frau auftrug, sie möge doch bitte meine Tasse am ebenfalls dort befindlichen Henkel anfassen.
Ja und? Könnten Sie jetzt vielleicht denken: Ja und?
Nun, Christina hatte einen Kakao bestellt, und hier hat die nette junge Dame, nachdem sie mein Geld entgegengenommen hatte, ihren Daumen direkt oberhalb am Rand der Tasse angesetzt – genau dort, wo mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein normaler Mensch ebenfalls notwendigerweise und zweckmäßig noch dazu seine Lippen ansetzt.
Ich versuche mich zwar regelmäßig in solchen Fällen damit herunterzufahren, dass ich mir selbst sage: Komm – wir sind hier auf dem Land – und die bäuerliche robuste Natur gehört nun mal dazu.
Aber ich bekomme so etwas nun mal nicht weg gedacht und auch nicht weg geatmet. So hat sich dann tatsächlich bei mir im Kopf die Lage zugespitzt, sodass ich nun ein gewisses Gefühl von Übelkeit verspüre. Wobei: Viren wie Corona-, Grippe-, Noro- und Rotaviren sowie Bakterien wie Staphylococcus aureus und Escherichia coli gehören mittlerweile zu unserem Leben genauso dazu wie diverse Parasiten wie z. B. die allseits beliebte Krätze. Und die große Familie der Pilze wollen und sollen wir hier nicht vergessen, …
alle und alles kann übrigens genauso übertragen werden – könnte so übertragen werden.
Das gleiche negative Erlebnis hatte ich vor ein paar Monaten auch im „L‘Apillion“ – in der französischen Spitzengastronomie sozusagen – und das hat dazu geführt, dass ich mir jetzt vorgenommen habe, immer einen edlen Becher dabei zu haben, in den ich mir dann mein bestelltes Getränk umfülle.
Die Lage hat sich also weiter zugespitzt, …
und wenigstens bei Jo weiß ich, dass er mich sofort und ohne Einschränkung versteht.
Aber egal, wie es auch ist, ich möchte auf jeden Fall noch mit dem beruhigenden Satz aus der guten alten Zeit abschließen, …
– Gute Nacht, John-Boy –
Die nächste Kolumne erscheint in den kommenden Tagen, wenn die Zeit dazu gekommen ist, …
und wenn sie fertig ist!
Bleiben Sie bis dahin gedankenstark.
