Einfach nur ein gutes, ein schönes, ein erfülltes Leben leben

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Werte Leser, …

… haben Sie sich eigentlich schon einmal ernsthaft gefragt, was der Sinn Ihres Lebens ist?

Wenn Sie jetzt, ohne groß darüber nachzudenken, einfach nur die Kopierfunktion Ihres inneren Auges benutzen und den Titel dieser Kolumne herauslesen, ihn einmal oder, wenn Sie mögen, auch viermal in Ihrem Kopf wenden wie einen Pfannkuchen in der heißen Pfanne, um dann gedanklich zu sagen:

– Einfach nur ein gutes Leben führen, ein schönes, ein erfülltes Leben –

ja, warum eigentlich nicht, genau so wäre es doch am praktikabelsten, und schön dann sowieso.

Kurzum: Dies ist wieder einmal eine dieser Kolumnen, die im Grunde genommen alles gleich zu Anfang geklärt hat und bei der wir jetzt – eigentlich – schon Schluss machen könnten für heute, eigentlich.

Ab hier nähere ich mich dem Ganzen aber dennoch noch einmal von einer anderen Seite, benutze dabei so etwas wie ein kleines Mikroskop der Alltagspsychologie, und vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen, das eigene Leben ein wenig zu überdenken und die Wege und Straßen, die nun einmal vor einem liegen, schon im Vorfeld besser lesen, verstehen und damit auch sicherer befahren zu können.

Gleich zu Beginn sollten wir uns nur darüber einig sein, dass diese Denkweise eher für das erwachsene Leben gedacht ist, und falls in deiner Lebensbiografie die Jahreszahlen 2012 oder 2015 eine Rolle spielen, dann sind bist du hier zwar nicht falsch, du wirst aber vermutlich noch nicht ganz erfassen, was dieser 68er-Typ da gerade zusammenschreibt.

Falls ich mich in dieser Einschätzung irren sollte, wäre es ein Irrtum der angenehmen Sorte, einer, über den man sich wirklich freuen darf.

Wer hingegen ein 72er- oder 63er-Jahrgang ist oder irgendwo in dieser zahlenmäßigen Nachbarschaft lebt, der wird vermutlich schon anders darüber vor-nach-denken können.

Allerdings, …

… allerdings ist das, was die meisten Menschen mit dieser großen, philosophischen Frage verbinden, ungefähr im gleichen Zusammenhang zu sehen wie die Frage nach dem leckersten vegetarischen Gericht – oder besser gesagt: nach der Antwort darauf –, denn auch hier entscheidet vor allem die Kreativität des Antwortenden.

Fragen Sie nach dem leckersten vegetarischen Gericht, und die Antwort sollte lauten:

Eine große Lammkeule, Olivenöl, fünf Knoblauchzehen, Estragon, Salz und Pfeffer …

So, so, jetzt wollen Sie sich aber gleich beschweren, nur weil ausgerechnet meine Lammkeule das vegane Rezept anführt.

Denn wenn ich Sie nach einem glücklichen, zufriedenen und schönen Leben frage und mir dann Ihre persönliche Zutatenliste unter dem Mikroskop ansehe, steht bei Ihnen in der angeblich vegetarischen Version sehr häufig noch etwas von Schinkenspeck, Gänseschmalz und Leberpastete, also regen Sie sich bitte nicht über meine kleine Lammkeule auf.

Mein vollkommen ungeschulter, aber aufmerksamer Blick hat nämlich erkannt, dass es für ein glückliches, zufriedenes und damit erfülltes Leben eine Kombination bestimmter Zutaten braucht, die erst in einem passenden Verhältnis zueinander ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Die Zutaten lauten:

– Gutes Familienleben
– Gutes Wohnen
– Gutes Essen
– Gute Nutzung der Lebenszeit

Falls Ihnen an dieser Stelle sofort die „gute Arbeit“ fehlt: keine Sorge, ich bin gerade erst dabei, mich gedanklich bei Ihnen einzunisten und ein leichtes Neukalibrieren gehört nun einmal dazu, so wie Rotwein und dunkle Schokolade einfach zusammengehören.

Denn ja, es gibt eine Ausnahme.

Falls Sie zu den wenigen Menschen gehören, die ihre sogenannte Arbeit so sehr lieben, dass sie sich nichts anderes vorstellen können, und wenn Sie auf dem Sterbebett auf die Frage, was Sie hätten besser machen können, ehrlich antworten würden:
„Noch zwei Stunden mehr am Tag zu arbeiten“,
dann sind Sie bereits sehr weit gekommen, und ich habe tatsächlich keinen Verbesserungsvorschlag für Sie.

Für die große Mehrheit gilt jedoch etwas anderes.

Setzen Sie sich einmal bewusst auf den Pilotensitz Ihres Lebens und machen Sie das, was jeder verantwortungsvolle Pilot vor dem Start tut: einen vollständigen Systemcheck.

Denn kein Flugzeug hebt ab, wenn die Systeme nicht zuverlässig laufen, und ein Start mit Störungen endet selten dort, wo man eigentlich hinwollte.

Also, Ihr persönlicher Check:

Gutes Familienleben / Check
Gutes Wohnen / Check
Gutes Essen / Check
Gute Nutzung der Lebenszeit / Check

Und, wie sieht es aus?

Erst wenn diese Grundlagen klar sind, lohnt es sich, an die größeren Fragen heranzugehen.

Dabei sollten wir allerdings nicht vergessen, dass es unzählige kleine Dinge gibt, die uns im Alltag berühren und, wenn sie zu tief gehen, innere Schieflagen hinterlassen können.

Vor allem dann, wenn Sie noch aktiv am großen Lebenswettbewerb teilnehmen, bei dem die wahren Werte des Lebens ständig von dem überlagert werden, was gerade als wichtig gilt, obwohl es mit Ihrem echten Leben oft erstaunlich wenig zu tun hat.

Dieser große Lebenswettbewerb heißt: höher, schneller, weiter – und bitte auch noch schöner.

Er zeigt sich in Männern, die gegen ihre Glatze kämpfen, und in Frauen, die einem normierten Schönheitsbild hinterherlaufen, für die Silikon oder Botox so selbstverständlich sind wie morgens das Müsli mit fettarmem Joghurt.

Ich sage nicht, dass ich dafür kein Verständnis habe, denn gesellschaftlich ist derjenige im Vorteil, der frisch, dynamisch und möglichst jugendlich wirkt.

Genau darin liegt aber auch der Wahnsinn, denn wer im Supermarkt eine Flasche Lenor aufs Band legt, spielt dieses Spiel genauso mit wie jemand, der mit der ersten Packung Haarfärbemittel den Kampf gegen das Älterwerden eröffnet.

Besonders deutlich wird die Absurdität am Beispiel von Alpecin Grey Attack, wo man einen attraktiven Mann nehmen muss, ihm künstlich einen Grauschleier verpasst, um diesen dann als Mangel zu deklarieren, obwohl genau dieser Grauschleier oft als zusätzliche Attraktivität wahrgenommen wird – und genau das soll nun wiederum dringend verschwinden.

Das ist kein Missverständnis, das ist schlicht widersinnig oder noch klarer ausgedrückt- idiotisch.

Wenn also Ihr Lebenscheck am Ende so aussieht:

Gutes Familienleben / Check
Gutes Wohnen / Check
Gutes Essen / Check
Gute Nutzung der Lebenszeit / Check
Richtige Haarfarbe / Check

… dann wäre es vielleicht sinnvoll, zunächst einen Psychologen aufzusuchen, und falls dieser Sie nach Ihrer Krankenkassenkarte fragt, hoffe ich sehr, dass Sie sie ganz unspektakulär in einem schlichten Etui bei sich tragen – bei Veganern gern aus Stoff –, denn sollten Sie stattdessen ein gefälschtes Louis Vuitton-Portemonnaie zücken, dürfte sich das Gespräch von selbst verlängern.

Die nächste Kolumne erscheint, wenn die Zeit dafür reif ist –
und wenn sie fertig ist.

Bleiben Sie bis dahin gedankenstark.